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Verlusterlebniss / Trauer / Sterbebegleitung

Es gehört zum Täglichen Leben, das wir alle mit Verlusten umgehen müssen.

Das löst bei uns eine Trauerreaktion (Reaktion auf den Verlust einer Person oder eines Objekts) aus. 

Psychologisch gesehen gibt es dabei mehrere Stufen der Trauer:

  1. normale Trauer mit Niedergeschlagenheit (u.U. Depression), unwillkürlichen Erinnerungen und körperlichen Beschwerden wie Atembeschwerden, Essstörungen und Erschöpfung
  2. pathologische oder kompliziertere Trauer  die unter Umständen nach Monaten oder Jahren mit psychischen Fixierung auf Verlust und Erinnerung, Fehlanpassung an die Realität oder scheinbar fehlender Betroffenheit,  einhergeht. (Anpassungsstörung, akute Belastungsreaktion, posttraumatische Belastungsstörung und posttraumatische Persönlichkeitsstörung, spezifische Anpassungsstörung) Anpassungsstörung

 

  • Emotionale Beeinträchtigung

    (Behinderung sozialer Funktionen) treten innerhalb eines Monats nach kritischen Lebensereignissen auf  und         dauert meist nicht länger als 6 Monate (Symptome – Angst Depression, Trauer, Dissoziation) 

  • Belastungsreaktion akut:

    Kurzandauernde aber schwer wiegende psychische Störung mit einem Zustand emotionaler Betäubung, Angst, Depression, Desorientiertheit, Verzweiflung, Rückzug – u.a. als normale Reaktion auf eine außergewöhnliche körperliche bzw. psychischen Belastung  die in der Regel eine ernsthafte Bedrohung einer eigenen Sicherheit bzw. der einer nahestehenden Person darstellte (Unfall, Naturkatastrophe, Kriegserlebnis) 

  • Belastungsstörung posttraumatisch:

    posttraumatischer Stress – akute oder chronische psychische Störung nach extrem belastendem Ereignis (z.B. Folter, Vergewaltigung, Unfall, Katastrophe) die mit starker Furcht und Hilflosigkeit einhergehen. Symptome: häufiges und intensives Wiedererleben des Traumas (Drängende Erinnerungen, Alp- und Tagträume, phobische Ängste) emotionale Taubheit (Teilnahms- und Freudlosigkeit, Gleichgültigkeit)  bei gleichzeitig erhöhter Erregung (mit Schlafstörung, Reizbarkeit, Schreckhaftigkeit, Vigilanzsteigerung) Vermeiden von Erinnerungsstimuli, 

  • Persönlichkeitsstörung posttraumamatisch:

    Veränderung der Persönlichkeit als Spätfolge eines seelischen Traumas                                                   

  • Spezifische Anpassungsstörung:

     Reaktion auf Todesfälle /Verlust nahestehender  Menschen. Trauer- oder Trennungsarbeit  kann nicht geleistet werden , da der verlorene Mensch häufig eine besondere Bedeutung  hatte oder spezifische Gefühle die Trauerarbeit behindern (z.B. ungelöste symbiotische Bindungen, unbewusste Wut oder Schuldgefühle gegenüber dem Toten) Symptome : häufig Fehlen von Traurigkeit, statt dessen Versteinerung, Affektstarre, Hemmung, hypochondrische Klagen, Schlaflosigkeit, psychosomatische Beschwerden. Überkompensation durch übertriebene Ativitäten, latente Feindseligkeit.                                                                                                                                                                                         

 

Erste Phase: Leugnen, Nicht-wahr-haben-wollen, Isolierung

In der ersten Phase, wenn man die Nachricht vom Tod eines geliebten Menschen vernimmt, verfallen die Menschen oft in einen Schockzustand, indem der Tod entweder aktiv geleugnet wird – „Das muss ein Irrtum sein!“ – oder zumindest keine Empfindungen über den Tod wahr genommen werden. Oft ist es für die Angehörigen notwendig, dass sie mit eigenen Augen den Toten sehen, um aus der Phase des Leugnens rauszukommen. Normalerweise ist allerdings die Phase des Leugnens sehr kurz, sie dauert einige Stunden, maximal ein paar Tage. Auch die Hiobsbotschaft des bevorstehenden Todes vom Patienten selbst oder den Angehörigen des Verstorbenen werden oft geleugnet. So werden zum Beispiel Befunde nicht ernst genommen und man ist der Meinung, dass es sich um eine Fehldiagnose oder eine Verwechslung handeln muss.

Viele Menschen stellen dabei auch körperliche Reaktionen an sich fest wie Herzrasen, Schlaflosigkeit, körperliche Unruhe, Unwohlsein und Schwitzen.

Wie groß der Schock ist und wie lange diese Phase dauert (einige Stunden oder wenige Tage), hängt unter anderem davon ab, ob der Tod erwartet wurde  – aufgrund einer Krankheit oder hohen Alters -, oder ob er völlig unerwartet eingetreten ist – Unfall, Suizid oder ähnliches.

Die Reaktionen während dieses Schocks können sehr unterschiedlich sein. Manche Menschen nehmen ihre Umwelt gar nicht mehr wahr und sind kaum ansprechbar, andere brechen völlig zusammen, wieder andere widmen sich Routinetätigkeiten, als wäre nichts geschehen. In dieser Phase werden die Betroffenen meistens von Angehörigen und Freunden unterstützt, die ihnen auch dabei helfen, ihre Emotionen zu kontrollieren – was den Übergang zur nächsten Phase einleitet.

 

Zweite Phase:  Erst Selbstkontrolle , dann Intensive aufbrechende Emotionen, auch Wut und Zorn 

Gerade in den ersten Tagen nach einem Todesfall muss der Mensch trotz des möglichen Zusammenbruchs seiner Welt funktionieren und agieren, da es neben der Beerdigung unzählige Dinge zu erledigen gilt. Daher werden in dieser Phase durch eigene und fremde Aktivitäten die Emotionen kontrolliert, um einen möglichen Zusammenbruch zu verhindern und notwendige Dinge erledigen zu können. Die starke emotionale Selbstkontrolle in Verbindung mit den geschäftigen und hektischen Tagen kurz nach einem Todesfall erzeugt beim trauernden Menschen allerdings eine gewisse Distanz, als zöge ein Film an ihm vorüber, an dem er nicht beteiligt ist. In dieser Phase der Kontrolle stellt sich oft ein Gefühl der Leere ein, da man die Emotionen ja zurück gestellt hat und deshalb nichts so richtig spüren kann. Die kontrollierte Phase endet meistens nach der hektischen Zeit bis zur Beerdigung, wenn Verwandte und Freunde wieder abgereist sind.

Danach können verschiedene Emotionen meistens mit großer Intensität auftreten. Darunter sind natürlich Trauer, Verlustschmerz, Einsamkeit, Angst, Zorn und Wut, aber auch Freude und Erleichterung (wenn der Verstorbene zum Beispiel nach langem Leiden verschieden ist) kommen auf, die jedoch oft noch mit Schuldgefühlen und einem schlechten Gewissen verbunden sind.

Gerade Gefühle wie Schuld und ein schlechtes Gewissen können dabei sehr belastend sein und den Trauernden in dieser Phase fest halten, wenn er der Meinung ist, er habe zu Lebzeiten dem Hingeschiedenen gegenüber etwas versäumt, nicht genug für ihn getan, trage womöglich selbst die Schuld am Tod des geliebten Menschen (wenn man zum Beispiel einen Unfall verursacht hat, bei dem der andere gestorben ist) oder habe ihn nicht genug geliebt oder gewürdigt. Diese Schuldgefühle können sich zu einem ernsthaften Problem entwickeln, so dass daraus eine Depression bis hin zu Suizidgedanken entstehen kann.

Die Wut und die Aggression, die in dieser Phase entstehen, können sich gegen Dritte richten (Ärzte oder Pflegepersonal, einen Unfallverursacher etc.), bei gläubigen Menschen gegen Gott – „Gott, wie konntest du zulassen, dass mein unschuldiges Kind stirbt!“ -, gegen sich selbst – „Warum habe ich nicht besser aufgepasst!“ – oder gegen den Toten, besonders wenn dieser durch Suizid verstorben ist – „Wie konntest du mir das antun und mich verlassen! 

Diese Gefühle werden im Allgemeinen eher als heilsam angesehen, da Wut, Zorn und Aggression verhindern, dass man zu tief in einer Depression versinkt. Gemäß dem Modell der Trauerphasen sollte der Trauernde diese unterschiedlichen Gefühle zulassen und ausleben, damit er nicht in dieser Phase der Trauer stecken bleibt.

Hat man selbst die Hiobsbotschaft vom bevorstehenden Tod erhalten, gibt es auch hier eine zweite Phase Diese wird von ebenfalls von Wut dominiert. Diese entwickelt sich aus Neid auf die Weiterlebenden. Oft kommt es hierbei zu unkontrollierbaren Wutausbrüchen auf alle, die nicht in absehbarer Zeit sterben werden, da sie weiter ihre Träume und Wünsche realisieren können. Zudem plagt den Sterbenden die Angst, vergessen zu werden.

Dritte Phase: Suchen, Finden, Loslassen

Der Alltag ohne den Verstorbenen setzt ein, und die intensive Hilfe und Unterstützung der ersten Tage sind nicht mehr in diesem Umfang vorhanden. Nun wird der Trauernde mit aller Macht mit dem Alltag ohne den verlorenen Menschen konfrontiert, er zieht sich von der Welt zurück, verspürt eine Fülle unterschiedlicher Emotionen und fühlt sich ob des Zusammenbruchs seiner Welt oft hilflos und gelähmt.

Hilfsangebote und Aufmunterungsversuche von Freunden und Angehörigen werden zwar einerseits gewünscht, andererseits aber doch oft abgelehnt, weil sie zum Teil als sinnlos oder als zu anstrengend empfunden werden. In dieser Phase fühlt sich der Trauernde weder der Welt der Lebenden so richtig zugehörig noch der untergegangenen Welt mit dem Verstorbenen, von dem er sich noch nicht gelöst hat; er versinkt in Hilflosigkeit, Depression und Verzweiflung und verspürt ein Gefühl der Unwirklichkeit.

In dieser Phase werden die trauernden Menschen oft von Schlaflosigkeit geplagt, die eine permanente Müdigkeit und Mattigkeit zur Folge hat. Auch Appetitlosigkeit und ein Mangel an Antriebskraft stellen sich ein, oft ist allein das Anziehen ein schwerer und anstrengender, irgendwie sinnloser  Schritt. Zur inneren und äußeren Entlastung greifen etliche Menschen dann zu Hilfsmitteln wie Tabletten, Drogen oder Alkohol, was zu einem echten Problem werden kann, wenn dies zu häufig oder zu lange geschieht.

Alternativ dazu,  gibt es Trauernde, die bewusst noch einmal versuchen die Verbindung zu dem Verstorbenen zu spüren und diese intensiv zu erleben. Es werden bedeutungsvolle Orte besucht, Erinnerungsstücke angesehen, der alte Pullover des Verblichenen getragen, oder man sitzt in seinem oder ihrem Zimmer und lässt die Erinnerungen auf sich wirken.

Idealerweise bearbeitet man in dieser Phase im inneren Dialog auch noch ungelöste Themen und Probleme, die man mit dem Verstorbenen hatte, damit diese nicht als Hindernis beim Fortschreiten im Trauerprozess bestehen bleiben. Auch hier können wieder Gefühle wie Wut und Aggression auftreten, die bei der Bewältigung helfen können.

Am Ende dieser Phase hat man sich im Idealfall mit dem Verstorbenen und seinem Verlust ausgesöhnt, dieser ist vielleicht zu einem inneren Begleiter geworden, zu dem keine Spannungen mehr bestehen. Die Verbindung zu dem Toten hat sich verändert, die Wirklichkeit wird ohne ihn jetzt bewusst wahr genommen.

Achtung: Manche Menschen neigen in dieser Phase dazu, sich in die Erinnerungen mit dem Verstorbenen zurück zu ziehen und eine Art Traumleben mit ihm zu führen. Das Zimmer bleibt unverändert, der Tisch wird für ihn oder sie mit gedeckt, unterm Weihnachtsbaum liegt ein Geschenk für den Verschiedenen, und man führt Gespräche mit ihm. Hält diese Phase zu lange an, so kann sich der trauernde Mensch dadurch von der Wirklichkeit und dem Leben entfremden und bleibt in dieser Phase gefangen.

 

 

Vierte Phase: Akzeptanz und Neuanfang

Langsame Rückkehr ins Leben und neue Beziehungsfähigkeit. Der Trauernde versucht, langsam wieder in sein altes Leben zurückzukommen, aber der Verlust wird immer im Herzen bleiben. Doch der Trauernde kann sich nicht ewig zurückziehen.

Der trauernde Mensch hat den Verlust des Verblichenen als Realität akzeptiert, er ist zu einer inneren Figur geworden, die im realen Leben nicht mehr vorhanden ist. Nun kann die nächste Phase in Angriff genommen werden, in der der eigene Bezug zum Leben, zur Welt und zu anderen Menschen aktiv gestaltet und erlebt wird. Hier tun sich auch neue Möglichkeiten auf, die mit dem Verstorbenen gemeinsam nicht möglich gewesen wären, so dass ein Lerneffekt auch der ist, dass selbst der Verlust eines geliebten Menschen auf der anderen Seite etwas Gutes und Neues bewirken kann.

Auch die Erfahrung, dass man einen solch schweren Verlust bewältigen konnte, ist ein wichtiger Schritt für das Fortschreiten im Leben. Der Trauernde hat erkannt, dass Verlust zum Leben dazu gehört, dass man mit ihm fertig werden kann und dass man sich deshalb auch ruhig erneut auf eine neue Beziehung einlassen kann, selbst wenn auch diese wieder durch den Tod beendet wird.

Die Trauerbewältigung läuft in dieser Phase keineswegs kontinuierlich ab: Kurzzeitige Rückschritte in vorherige Stadien des Trauerprozesses sind möglich. Dabei kann die ganze Schwere der Trauer wieder da sein, doch klingen die Abschnitte meist schneller ab.

 

Bisher war das Ziel der Trauerarbeit, die Beziehung zu dem verstorbenen Menschen abzubrechen und ganz von ihm los zu lassen. Nur so, so glaubte man gemäß Freuds Hypothese, sei echte Bewältigung der Trauer möglich. Die Forschungsergebnisse von Professor Bonanno haben jedoch etwas Gegenteiliges ergeben. Sehr viele Menschen führen innerlich die Beziehung mit dem verstorbenen Menschen fort, nur auf andere Weise. Sie spüren ab und an seine Präsenz, sie reden innerlich oder gar laut mit ihm und empfinden seine verinnerlichte Gegenwart als Trost und Hilfe, nicht als Blockade, die sie am Fortschreiten hindert. Denn trotz dieser fort gesetzten Beziehung sind sie sehr wohl in der Lage, sich auf eine neue Beziehung mit einem anderen lebendigen Partner einzulassen, wenn sie wieder dazu bereit sind.

Die Verstorbenen bleiben oft präsent

Allerdings baut sich diese neue Bindung erst im Lauf der Zeit auf, zu Beginn sind die Erinnerungen an den Verstorbenen oft eher schmerzlich, da man sich auf den Verlust konzentriert und den Trost in schönen Erinnerungen noch nicht sehen kann. Auch bedeutet das Erinnern nicht, dass man zum Beispiel an den Habseligkeiten des Verstorbenen fest hält, sondern an dem, was der verstorbene Mensch einem gegeben hat und wovon man noch immer zehren kann. Dann aber ist die fort gesetzte Bindung an den verstorbenen Menschen für viele eine sehr große Hilfe – sie sprechen mit ihm oder ihr, sie glauben sie kurzfristig zu sehen, oder sie spüren die Verstorbenen einfach als spürbare Präsenz, die ihnen Trost und Hilfe bringt.

Menschen, die resilient und anpassungsfähig sind, sind auch in der Lage, je nach der Situation ihre Gefühle der Trauer auch einmal zurück zu stellen oder zu unterdrücken. Denn wenn man sein Leben trotz des Verlustes konstruktiv weiter leben will, gibt es Situationen, in denen man den Fokus nach außen und nicht auf seinen Verlustschmerz richten muss: Die Kinder brauchen ihr Elternteil, die Arbeit muss erledigt werden, Alltagsdinge sind zu organisieren. In diesen Situationen ist es nicht hilfreich, sich von seinen Trauergefühlen überwältigen zu lassen, sondern es ist sinnvoller, diese Gefühle kurzfristig zu ignorieren und zurück zu stellen.